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| Hermann Hartfeld (1962) |
Ein Sprung in meine Kindheit
Naturverbunden
Ich erinnere mich nur vage an die gesamte
Kindheit. Ich weiß, dass ich meistens tränenüberströmt war, wenn ich Heißhunger
empfunden hatte. An Hunger konnte ich mich gewöhnen und an Magenknurren auch.
Jedoch, der plötzliche Anflug von Heißhunger, der einsetzende extreme Drang,
nach sofortiger Nahrungsaufnahme und die damit verbundenen Schweißausbrüche und
das Zittern machten mich mürbe. Schweißgebadet weinte ich vor mir hin. Wenn
gerade nichts im Hause zum Essen gab, dann eilte Mutter zu der Kollektivfarm
und holte ein Stück „Ölkuchen“ (Russisch: Schmüch), versteckt in ihrer
Wattejacke. Das war ein Neben- bzw. Rest- oder auch Abfallprodukt von ausgepressten
Zedernnüssen, Soja-, Mais-, Hanf, Raps-, Leidotter- und Sonnenblumensamen, der
sich gut eignete zur Fütterung von Kühen und Ochsen. Mutter beging damit eine
Straftat: Man durfte nichts von der Farm nach Hause nehmen, anderenfalls wurden
die Mitarbeiter zur Rechenschaft gezogen.
Mit Heißhunger kam ich nie in meinem Leben
zurecht.
Der sibirische Sommer ist verhältnismäßig heiß,
manchmal erreichten die Temperaturen bis zu +40 °C. Mutter hütete nachts
200 Kühe und tagsüber brachte sie die Milch zur Fabrik, die von uns etwa acht
Kilometer entfernt war. Sie bekam ein Ochsengespann, lud die Milchbehälter zu
je 30 Litern auf den Wagen und ließ den Ochsen freien Lauf. Die Tiere kannten
bereits den Weg, zweieinhalb Stunden hin und genau so viel Zeit zurück. Mutter
lehnte sich zurück und schlief, sie ruhte sich auf diese Weise aus. Denn ab
Abend musste sie mit den Kühen auf dem Feld sein. Meine Schwester und ich sahen
sie tagsüber sehr kurz, sonst meistens am Sonntag. Wir schliefen auf ihrer
Pritsche und waren quasi mehr oder weniger auf uns selbst gestellt.
Ich fühlte mich sehr naturverbunden und schlief
im Sommer überwiegend im Wald. Mein kindliches Hirn versuchte nachts, den Lauf
des Mondes und der Sterne zu ergründen. Ich lag auf dem Rücken, bewunderte die
funkelnden Sterne, die in lauer Sommernacht äußerst romantisch waren bzw. sind.
Meiner Fantasie waren keine Grenzen gesetzt. Sicherlich war ich davon
überzeugt, dass auf dem Mond oder irgendeinem Stern Menschen leben, oder gar
höhere Wesen. Und bevor ich einschlief, murmelte ich vor mir hin: „Gute Nacht
Muti, gute Nacht Schwester, alle Menschen auf Erden, auf dem Mond und
Sternenhimmel.“ Wenn damals mir jemand versucht hätte auszureden, dass nur auf
der Erde und nirgendwo sonst Menschen gebe, dann hätte ich es ihnen nicht
abgenommen.
Wir hatten zu Hause eine Hündin und den Kater.
Die Hündin war eine westsibirische Laika (das Wort heißt Deutsch „bellen“), die
ich auf den Namen ‚Ira‘ taufte. Ira hatte ein dichtes schwarzes, mit weißen
Abzeichen, Fell mit reichlich Unterwolle. Ihre stehenden, etwas seitlich
angesetzten Ohren merkten sich jedes Geräusch im Wald und sie war stets zur
Abwehr bereit. Es war faszinierend zu beobachten, wie sie sich mit ihrem
aufgerollten Schwanz hinter einen Fuchs hermachte und ihn von meinem Nachtlager
vertrieb. Mein sibirischer halblanghaariger Kater und die Laika verstanden sich
gut. Ira lief stets voraus, der Kater stolzierte neben mir. Nachts lag er
meistens auf meinem Bauch und schlief. Es störte ihn nicht, wenn ich mich auf
die Seite drehte, dann legte er sich an meine Brust. So wärmten wir uns, wenn
nachts die Temperaturen etwas nach unten gingen.
Meine Freunde waren im Sommer auch die pfeifenden,
trillernden und gurrenden Wachteln, die Sperlinge, Krähe, die diebischen
Elstern, Schwalben und besonders die Meise und Stäre. Ich ernährte mich
überwiegend von Sauerampfer, einem Waldgemüse. Als es Waldbeeren gab, waren sie
an der Reihe. Es gab reichlich Steinbeeren im Wald und auf den Wiesen sehr
viele Erdbeeren. Kaum jemand interessierte sich, wo ich war und was ich tat.
Zwischendurch kam ich nach Hause, um Brunnenwasser zu trinken und mich der
Mutter zu zeigen. Sobald sie zur Arbeit ging, schnappte ich mir irgendein Buch
und verschwand wieder. Lesen wurde mir mit fünf beigebracht.
Im Wald las ich laut die Kindermärchen vor mir
hin, wenn ich nicht gerade meinen Bauch mit Beeren füllte und mit den Vögeln
beschäftigt war. So wie ich mich erinnere, glaubte ich, der Tierwelt die
Märchen mit etwas Stottern vorlesen zu müssen. Es hörte ja niemand zu, und mein
imperfektes langsames „Vorlesen“ half mir, den Inhalt zu verstehen. Einer
meiner Cousins sagte damals: „Dein Spatzenhirn kann es so wie so nicht
verstehen, was Du da Silbe nach Silbe liest und vor dir her murmelst.“ Sein
Kommentar brachte mich aber dennoch nicht vom Lesen ab. Nachhinein weiß ich,
dass er selbst ein Legastheniker war. Er hatte eine Leseschwäche und Rechtschreibstörungen.
Eines Tages wurde ich von dem Dorfvorsteher auf
der Wiese eines Waldes entdeckt, als ich gerade ein Nickerchen machte. Er
weckte mich. „Warum schläfst Du auf der Waldwiese und nicht zu Hause? Es gibt
doch viele Wölfe im Wald!“ Ich rieb mir die Augen und schwieg. „Es gibt viele
Ameisen und andere Viecher, die dir in die Ohren und Mund kriechen könnten!“ Es
hörte sich alles bedrohlich an. Ich war ja immer im Sommer barfuß gelaufen.
Mutter hatte nie das Geld, mir Sandalen oder Schuhe zu kaufen. Mein Kater war
sichtlich von der lauten Stimme des Dorfvorstehers nervös geworden. Er machte
einen Buckel, fauchte und zeigte sich angriffsbereit. Die Hündin Ira war
entsetzt über den ungeladenen Gast und bellte unaufhörlich. Dann stand ich
schweigend auf, hob mein Märchenbuch vom Boden und sagte zu meinen
Weggefährten: „Ira höre, bitte, auf zu bellen!“ Sie gehorchte und stellte sich
zwischen meine Beine. Oh, ich vergaß zu sagen, mein Kater hieß ja Willi.
„Willi! Niemandem wird wehgetan. Kommt!“ Ich entfernte mich mit meinen
Vierbeinern vom Dorfvorsteher, indem ich mit ihnen im Wald verschwand. Der
Dorfbewohner entfernte sich mit lauten Flüchen und versuchte, meine Mutter zu
alarmieren. Das war nicht einfach, sie war unterwegs zur Milchfabrik.
Gegen abends war ich zu Hause. Ich jätete im
Garten, als Mutter kam. „Kind, du hast mir ein Schrecken eingejagt. Der
Dorfvorsteher erzählter, dass du auf der Waldwiese geschlafen hast“. „Ja, Mama.
Ich war aber mit Ira und Willi“. „Trotzdem Kind, wenn ein Wolfsrudel
vorbeikommt, kann es gefährlich werden“. „Mama, ich habe doch Ira und Willi
dabei. Sie schützen mich“. In der Sommerzeit war es wirklich nicht gefährlich
im sibirischen Wald. Es gab Wölfe, aber sie waren im Sommer eher menschenscheu.
„Mama, es gibt so viele Beeren im Wald und ich mag sie“. Mutter nahm mich in
die Arme und weinte. Sie wusste, was ich meinte. Zum Essen gab es sehr wenig. Doch,
Mutter hinterließ uns beiden, mir und meiner Schwester, zu je zwei dicke
Scheiben Schwarzbrot und etwas Milch. Der Organismus meiner Schwester vertrug
die Milch nicht, sie trank am liebsten heißes Wasser oder Schwarztee. Die Milch
kam so mir zugute. Wenn Mutter Zeit hatte, kochte sie uns eine Suppe mit
Sauerampfer und paar Kartoffeln waren auch drin. Wenn auch das nicht mehr im
Winter vorhanden war, bereitete sie uns ein Gebräu aus Brennnessel, der
vorsorglich für den langen Winter aufbewahrt wurde. Das Gebräu schmeckte nicht
so fein, soll aber gesund sein. „Gut, mein Sohn“, reagierte die Mutter: „Das
nächste Mal nicht schlafen, sondern Beeren pflücken und nach Hause bringen“.
Sie musste schon wieder zur Arbeit. Die Schwester hatte ihre Freundinnen, mit
den sie Tanzen lernte und irgendwo mit ihnen herumlungerte. Ich blieb wie so
oft mir selbst überlassen.
Ich rief Ira, der Kater war bereits da und wir
machten uns auf den Weg. Ich musste mir einen anderen Schlafort suchen.
Meistens waren es Büsche oder Wiesen inmitten eines Waldes. Die Sonne schien
ziemlich lange, ging sie unter, dann war es noch lange hell. Ich hatte eine
Menge Zeit, meine Übernachtungsstelle vorzubereiten. Als ich ein
Backenhörnchen, ein sibirisches Streifenhörnchen entdeckte, vergaß ich von
meiner Absicht. Sein raues, kurzhaariges und braunes Fell faszinierte mich. Der
Rücken war längsgestreift. Ich zählte fünf schwarzbraunen und vier hellen
breiten Streifen. Der lange Schwanz hing nach unten, als das Hörnchen auf dem
Baum kletterte. „Ira ruhig!“, befahl ich meiner Hündin flüsternd, die bereit
war, einen Sprung zum Schwanz des Tiers zu machen. Ira guckte mich traurig an
und setzte sich neben meinen Füßen. Mein Willi zeigte sich uninteressiert und
liebäugelte mit einer Maus. Wenn er satt war, spielte er mit den Mäusen herum
und ließ sie schließlich laufen. Damals dachte ich manchmal: „Wie brutal doch
mein Kater sei. Die Maus muss ja Todesängste ausstehen“. Manchmal unterbrach
ich seine Spielerei, manchmal dachte ich einfach nicht mehr darüber nach und
ließ ihm alle Freiheiten, die er so wollte.
Meine Aufmerksamkeit lenkte von dem Hörnchen
plötzlich ein Steppenadler auf sich, der über den Baum in der Höhe schwebte. Es
war für mich offensichtlich, er wollte sich das Backenhörnchen schnappen. Aber
es muss die Gefahr gewittert haben und verschwand, sodass wir es nicht mehr sehen
konnten. Ich mochte die sibirischen Steppenadler, der dem schell- oder
Schreiadler sehr ähnlich ist. Wenn er seine Beute anvisierte, fiel er
buchstäblich nach unten, ergriff die Beute mit seinen scharfen Krallen und
tötete es. Nagetiere, Echsen, große Insekten, kleine bis mittelgroße Vögel und
auch Aas dienten ihm zur Nahrung.
Diesmal hatte ich mich geirrt, der Adler war
nicht hinter einer Beute her. Er hatte sein Nest auf dem Baum, wo das Hörnchen
gerade war. Er ließ sich auf seinen Horst
herunter und beobachtete uns mit seinem scharfen Blick. Ich näherte mich dem
Baum. Der Adler wurde unruhig und fiel wie ein Stein auf mich herunter. Ira
machte einen unerhörten Lärm. Der Kater fauchte, aber ich rannte um „mein
Leben“ so schnell, wie ich nur konnte. Der Adler muss wohl zur Einsicht
gekommen sein, dass ich keine Gefahr für ihn darstellte, kehrte zurück und
setzte sich auf seinen Horst. Aber mit der Übernachtung im Wald war es für mich
an diesem Tag vorbei. Im Dorf angekommen, ging ich zur Spielwiese, wo Jungs in
meinem Alter Türsteher spielten. Ich schloss mich ihnen an. Zwei Jungs standen
am Ende der Dorfwiese. Mitten oder im Zentrum der Wiese der Rest. Die Aufgabe
war, dass der Ball von den Türstehern auf die Jungs in der Mitte geworfen
wurde. Wer von den Türstehern am meisten die Jungs in der Mitte traf, hatte
gewonnen. Um 23 Uhr lag ich in Mutters Pritsche und genoss den tiefen Schlaf.
Die Vorschulzeit verlief eher unbekümmert und sorglos.

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